09.03.2022

Daten und Fakten der amtlichen Statistik

(Verdeckte) Altersarmut in Berlin und Brandenburg

Das Thema „Altersarmut“ beherrscht zunehmend die öffentlichen Debatten. Treiber der Diskussion sind die wachsende Zahl alter Menschen in der Bevölkerung, unterbrochene Erwerbsbiografien, die zum Normalfall geworden sind, und die langfristig befürchtete Überforderung des Alterssicherungssystems. Altersarmut betrifft eine Gruppe der Bevölkerung, die sich aus eigener Kraft kaum noch aus dieser prekären Situation befreien kann. Ein zusätzliches Problem stellt die Nichtinanspruchnahme von Leistungen – die verdeckte Altersarmut – dar. In diesem Beitrag wird gezeigt, welche Daten die amtliche Statistik zur aktuellen Lage in Berlin und Brandenburg beisteuern kann. 

Angesichts der wachsenden Zahl alter Menschen in Deutschland ist die Leistungsfähigkeit der Alterssicherungssysteme in die Diskussion geraten. Schon seit mehreren Jahrzehnten wird von der alternden Gesellschaft, vom demografischen Wandel und den Konsequenzen einer wachsenden Lebenserwartung gesprochen. Durch staatlich geförderte Zulagen und Steuererleichterungen wird die Bevölkerung in Deutschland ermutigt, zusätzlich privat für das Alter vorzusorgen. Daraus entsteht gleichzeitig der Eindruck, dass Garantien für ein ausreichendes Alterseinkommen aus der gesetzlichen Rentenversicherung nicht mehr gegeben werden.
Private Vorsorge wird jedoch schwierig für Menschen, die in der Gegenwart nicht über ausreichendes Einkommen verfügen.

Auch ist das Modell des Eckrentners mit einer Vollzeiterwerbstätigkeit über 45 Arbeitsjahre, das die gesetzliche Rentenversicherung für ihre Kalkulation verwendet, nicht mehr realistisch – insbesondere nicht in Ostdeutschland, wo der Zusammenbruch des Arbeitsmarktes nach der Wiedervereinigung für eine große Zahl an lückenhaften Erwerbsbiografien sorgte. Deren nachteiliger Einfluss auf die individuellen Rentenanwartschaften ist irreversibel. Für die betroffenen Menschen besteht ein hohes Risiko, dass sie sich spätestens mit dem Renteneintritt in einer prekären Einkommenssituation wiederfinden. Altersarmut ist der gängige Begriff für dieses Phänomen, das zunehmend beobachtet wird.


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  • Armutskonzepte in der amtlichen Statistik

  • Ergebnisse der amtlichen Statistik

  • Datenlage zur (verdeckten) Altersarmut – Ausblick

  • Vermeidung von Altersarmut

Armutskonzepte in der amtlichen Statistik

In der amtlichen Statistik werden derzeit drei Konzepte zur Messung von Armut verwendet. Von bekämpfter Armut wird bei Personen gesprochen, die so niedrige Alterseinkünfte beziehen, dass sie nach einer Bedürftigkeitsprüfung ihres Haushalts einschließlich der Vermögenslage Leistungen der Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung nach dem Zwölften Sozialgesetzbuch (SGB XII) beziehen. Die Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung gehört zusammen mit der Grundsicherung für Erwerbsfähige nach dem SGB II („Hartz IV“), der Sozialhilfe nach dem SGB XII und den Asylbewerberleistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz zu den sogenannten Mindestsicherungsleistungen. Stellen leistungsberechtigte Personen den Antrag auf eine Mindestsicherungsleistung nicht, wird von verdeckter Armut, bei Personen über 65 Jahren von verdeckter Altersarmut gesprochen. Nach einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) nehmen in Deutschland rund 60 % der Leistungsberechtigten das Antragsverfahren zur Grundsicherung im Alter nicht auf sich und sind damit dem Dunkelfeld der verdeckten Altersarmut zuzurechnen.

Die individuelle Armutsgefährdung ist eine Kennziffer, die die materielle Teilhabemöglichkeit an den in einer Gesellschaft üblichen Errungenschaften beschreibt. Sie ist relativ, denn sie wird anhand des mittleren bedarfsgewichteten Pro-Kopf-Einkommens in einer Region – beispielsweise in den Ländern Berlin und Brandenburg oder auf Bundesebene – ermittelt. Personen, deren bedarfsgewichtetes Pro-Kopf-Einkommen unterhalb von 60 % des mittleren Einkommens in der betreffenden Region liegt, sind armutsgefährdet. Liegt das Einkommen unterhalb von 50 %, wird von Armut gesprochen.

Die Armutsgefährdung ist wiederum einer von drei Bestandteilen des AROPE-Indikators der Europäischen Union. Der Indikator soll Armut und soziale Ausgrenzung mehrdimensional erfassen und ist positiv, sobald nur einer der drei Teilindikatoren erfüllt ist. Der zweite Bestandteil des AROPE-Indikators ist die materielle Deprivation. Materiell depriviert ist ein Haushalt, der aus finanziellen Gründen auf mindestens drei von neun Gütern (beispielsweise einwöchiger Urlaub im Jahr, Waschmaschine, regelmäßige hochwertige Mahlzeiten) verzichten muss oder Rechnungen nicht bezahlen kann. Der dritte Bestandteil des AROPE-Indikators ist das Ausmaß der Arbeitsmarktteilnahme eines Haushalts – dieser Aspekt ist bei einer Betrachtung von Altersarmut nicht relevant. Der AROPE-Indikator ist zum aktuellen Zeitpunkt nicht auf Landesebene verfügbar. Je nach betrachtetem Indikator – Mindestsicherung, Armutsgefährdung oder AROPE – fällt die Anzahl der betroffenen Personen unterschiedlich aus.

Quellen:

Autorin:

Ricarda Nauenburg ist Referentin in der Stabsstelle Querschnittsanalysen und digitale Transformation des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg. Der Beitrag basiert auf einem Vortrag im Rahmen eines Fachgesprächs zum Thema „Armuts- und Sozialberichterstattung in Brandenburg: Altersarmut erkennen und bekämpfen", welches von der LIGA der freien Wohlfahrtspflege – Spitzenverbände im Land Brandenburg am 19. November 2021 veranstaltet wurde.

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Nicole Dombrowski

Fachredaktion

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