Brandenburgs neuer Wachstumsgürtel
In Brandenburg formiert sich ein „doppelter Speckgürtel“. Der restliche Metropolenraum kämpft mit einer alternden Gesellschaft und sinkenden Bevölkerungszahlen.
Über fast drei Jahrzehnte lag der Wanderungsgewinn in Berlin deutlich über dem Geburtenüberschuss. Besonders markant war dies 2016 und 2022, als die Zuwanderung – bedingt durch globale Flüchtlingsbewegungen – zu einem Bevölkerungszuwachs von knapp 85.000 Personen führte.
Das Geburtendefizit beziehungsweise der Geburtenüberschuss fiel dagegen deutlich niedriger aus. Die Differenz zwischen Geburten und Sterbefällen schwankte zwischen einem Minus von 13.000 im Jahr 1991 und einem maximalen Plus von 7.000 im Jahr 2016. Nach einem leichten Geburtenplus zwischen 2007 und 2021 starben ab 2022 wieder mehr Menschen als geboren wurden. Bereits vor 2007 lag mehrheitlich ein Sterbeüberschuss vor, sodass die natürliche Bilanz seit 1991 für Berlin überwiegend negativ ausfiel.
Die bestimmenden Faktoren der Wachstumsdynamik haben sich zwischen 2005 und 2025 deutlich verschoben. Während früher Binnenwanderung und natürliche Entwicklung, also Geburten und Sterbefälle, noch tragende Rollen spielten, liegt das Gewicht heute fast vollständig auf der internationalen Migration.
Geburten und Sterbefälle haben stetig an Bedeutung verloren: Ihr Einfluss sank von maximal 11 % im Jahr 2005 auf heute nur noch einstellige Werte von rund 8 %. Auch die Wanderungsbewegungen innerhalb Deutschlands haben an Kraft verloren. Der Zuzug aus anderen Bundesländern (außer Brandenburg), einst ein wichtiger Wachstumsmotor, sank von 18 % auf 12 %. Auch zwischen Brandenburg und Berlin gab es 2005 einen stärkeren Austausch in beide Richtungen: mit einem Anteil von 8 % (2025: 5 %) an Zuzügen aus Brandenburg und 11 % (2025: 8 %) an Fortzügen.
Das Gegengewicht bildet die internationale Migration nach Berlin, deren Anteil an der Bevölkerungsbilanz Berlins innerhalb von zehn Jahren fast auf das Doppelte stieg und mit 27 % (111.000 Personen im Jahr 2025) alle anderen Faktoren übertrifft. Zugleich stiegen die Fortzüge ins Ausland von 10 % auf 19 %.
Berlin erzielte seine Wanderungsgewinne in den letzten Jahren fast ausschließlich über die Auslandswanderung. Seit Beginn der Ukraine-Krise 2022 lag der Saldo der Auslandswanderung stabil über 30.000 Personen. Die Binnenwanderung hingegen bewegte sich seit 2017 durchgehend im Minus – mit Verlusten von bis zu 19.000 Menschen pro Jahr. Insbesondere die Abwanderung nach Brandenburg ist ungebrochen hoch und belief sich zwischen 1991 und 2025 im Saldo auf ein Minus von 406.000 Menschen.
Die Differenz aus Außen- und Binnenwanderung schwankt seit Anfang der 1990er Jahre stark. Die Werte reichen von einem Tief von –27.000 Personen in 1997 bis zu einem Rekordhoch von rund +85.000 in 2022. Allein seit 2018 hat Berlin durch die Wanderungsgewinne aus dem Ausland ca. 330.000 Menschen hinzugewonnen. Das entspricht in etwa der Einwohnerzahl des Bezirks Tempelhof-Schöneberg.
Dies unterstreicht, dass die Auslandswanderung derzeit die einzige stabile Quelle für das Wachstum Berlins ist, auch wenn sie aufgrund der Abhängigkeit von Flüchtlingsströmen wechselhaft und kaum planbar bleibt. Die Binnenwanderung schwächelt dagegen: Zuzüge aus anderen Bundesländern reichen nicht mehr aus, um die anhaltende Abwanderung ins Berliner Umland aufzufangen.
Im Jahr 2005 war die Europäische Union mit einem Überschuss von 9.000 Personen noch die dominierende Herkunftsregion, während die Wanderungsgewinne aus Asien (2.000), Amerika (1.000), Afrika (500) und dem restlichen Europa (1.000) deutlich kleiner ausfielen. Bis 2025 hat sich diese Gewichtung grundlegend verschoben.
Während der Saldo aus den EU-Staaten auf 3.000 Personen sank, stiegen die Zuzugsüberschüsse aus Asien (19.000) und dem restlichen Europa (9.000) deutlich an. Insgesamt haben sich damit die Wanderungsgewinne aus dem Ausland innerhalb von zwei Jahrzehnten verdoppelt.
Die neue Bedeutung Asiens wird ersichtlich, wenn man Zuzüge und Fortzüge getrennt betrachtet: Im Jahr 2025 stammten bereits 28 % aller aus dem Ausland Zugewanderten aus asiatischen Ländern und lagen damit vor den EU-Staaten (25 %) sowie dem restlichen Europa (25 %). Bei den Fortzügen waren die EU-Staaten mit 32 % das Hauptziel, während nur 15 % der Menschen zurück nach Asien zogen. Genau diese Schere führt zu den starken Wanderungsgewinnen aus dem asiatischen Raum.
Was würde passieren, wenn niemand aus dem Ausland nach Berlin ziehen würde? Die Statistik zeigt, dass die Bevölkerungszahl Berlins ohne diese Auslandszuwanderung spürbar gesunken wäre.
Das liegt vor allem daran, dass in Berlin mehr Menschen sterben als geboren werden (Geburtendefizit) und die Stadt dadurch jährlich mehrere Tausend Menschen verliert. Gleichzeitig ziehen mehr Bewohnerinnen und Bewohner in andere Bundesländer als nach Berlin kommen (negativer Binnenwanderungssaldo) – insbesondere nach Brandenburg sind die Bevölkerungsverluste seit Jahren im fünfstelligen Bereich.
Ohne Auslandswanderung würde es allein für den Zeitraum von 2018 bis 2025 zu einem Bevölkerungsverlust von über 104.000 Menschen kommen. Berlin wäre in diesem Zeitraum auf etwa 3,5 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner geschrumpft.
Die Gegenüberstellung verdeutlicht, wie stark die Berliner Bevölkerungsentwicklung von internationaler Migration und hier insbesondere von Flüchtlingsströmen abhängig ist. Ohne die Gewinne aus dem Ausland und hier aktuell aus dem asiatischen Raum würde es kein Bevölkerungswachstum in Berlin geben.
Iris Hoßmann-Büttner
Bevölkerungs- und Kommunalstatistik
Redaktion
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